Du stehst nicht auf ältere Männer? – Dann verpasst du was!

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Ich bin Sex-Arbeiter und die meisten Leute denken, dass meine Kunden unattraktiv sind. Das stimmt aber nicht: Die meisten meiner Kunden sehen ziemlich gut aus, sie suchen halt nach einem bequemen sexuellen Service – und sind nicht verzweifelt auf der Suche nach Sex. Viele Leute denken auch, dass die meisten meiner Kunden ältere Männer sind – Ja, das sind sie!

Meine älteren Kunden sind mir aber aus vielen Gründen lieber: Ältere Männer sind normalerweise finanziell abgesichert, kennen ganz genau ihre eigene Bedürfnisse und wissen wie man diese einem Sex-Arbeiter wie mir gegenüber klar artikuliert. Viele Leute denken, dass meine Kunden älter sind weil in der schwulen Welt ältere Männer oft nicht als sexuell attraktiv empfunden werden – weshalb sie zu jemanden wie mir kommen um ihre Bedürfnisse zu befriedigen.

Clark Rogers, sex worker
Clark Rogers: Sex-Arbeiter aus Chicago und Autor von diesem Artikel.

Ich habe näher darüber nachgedacht als ich der einzige unter 30 auf einem Altersdiskriminierungs-Workshop war, der während der nationalen Konferenz für LGBT-Gleichstellung namens Creating Change stattfand.

Ich kam da zu einer kleinen Gruppe mit drei älteren schwulen Männern. Wir bekamen eine Werbe-Anzeige für eine Anti-Falten-Creme. Und einen Geburtstagskarte auf der stand: „AAAHHHRRRGG! Wir werden älter! Unsere Körper fallen auseinander! Unser Geist geht kaputt! Das heißt, wir werden uns nur noch miserabel und erschöpft fühlen. Aber wir können uns zum Glück nicht mehr daran erinnern weshalb…“

Verdammte Scheiße!

Es ist keine Überraschung, dass in unserer sexuellen Kultur ältere schwule Männer total ausgrenzt werden. Einer der Männer in meiner Gruppe erwähnte, wie in schwulen Medien oft junge Typen als reich und wohlhabend dargestellt werden, nur um den Jugendwahn weiter zu verherrlichen. Ein anderer bemerkte, dass die Schönheitsideale sich seit seiner Jugend nicht verändert haben – während die Konsumenten solcher Ideale alterten, blieben die Models ewig jung. Dadurch ist unser ganzes Schönheitskonzept ins Stocken geraten, und die älteren Generationen werden ins Abseits der sexuellen Vorstellungen gedrängt.

Das Senioren in den Schönheitsmagazinen nicht vorhanden sind ist auch keine Überraschung. Aber das insbesondere Schwule – die ihre kulturellen Ideale und Werte so oft  über Sex definieren – Online-Dating und auch Offline-Medien benutzen um ältere Menschen auszuschließen und zu diskriminieren führt zu schwerwiegenden Konsequenzen, die viele junge Menschen gar nicht realisieren.

Ich hatte mich zuvor noch nie mit älteren Schwulen Männern über Altersdiskriminierung unterhalten, da ich selten mit Männern über 65 in so einer offenen und ehrlichen Runde wie bei Creating Change zusammen komme. Eine Umfrage aus dem Jahr 2013 unter 616 schwul-lesbischen Einwohnern von San Francisco im Alter zwischen 60 und 92 hat ergeben, dass 63 Prozent alleine und ohne Partner leben. Wenn wir es ablehnen mit unseren älteren Mitmenschen zu sprechen und ihnen ihren sexuellen Raum zuzusprechen, dann erhöht das nicht nur deren Isolation sondern auch unsere eigene.

Das sind unsere Leute über wie wir da sprechen – UNSERE Leute. Sie teilen unsere Geschichte der Diskriminierung, unsere Geschichte wie wir in psychiatrischen Anstalten eingesperrt wurden, den immensen Verlust den wir während des Höhepunktes der AIDS-Epidemie erleiden mussten. Sie haben verdammt nochmal mit all dem leben müssen! Ihr Blickwinkel ist extrem wertvoll für uns; ohne ihre Stimmen verlieren wir unsere eigene Geschichte. Es stimmt, dass es viele Einrichtungen und Angebote für Senioren gibt aber viele von denen sind eben für „normale“ Senioren gemacht – wodurch sie noch weiter von den jungen Schwulen isoliert werden.

Die Männer in meiner Gruppe haben mir erzählt das sie sich wünschen würden, dass jüngere Schwule pro aktiv den Kontakt zu den älteren Schwulen suchen: Dasswir es sind, die sie finden sollten. Das macht auch vollkommen Sinn für mich. Schwule Rentner fühlen sich in unserer hochsexualisierten Szene nicht willkommen, wo sonst können sie uns also treffen – und warum sollten sie das überhaupt versuchen?

Es liegt an uns, dass wir unsere hochsexualisierte Kultur beiseitelegen und eine Brücke zu unseren älteren Ebenbildern zu bauen. Sie brauchen uns, und heute mit ihnen zu sprechen ist die Grundlage für das was mal sein wird wenn wir selbst alt sind. Wenn wir eine Möglichkeit für schwule Senioren finden wie sie ihre Erfahrung mit unserer Community teilen können – Erfahrungen und Geschichten, die nicht in einer sex-fokussierten Kultur liegen – dann verlieren wir auch nicht das wertvollste, was wir von einander haben können: Ein besseres Verständnis unserer eigenen Identität, das viele Generationen überdauern wird.

(Foto von Carl Nenzén Lovén)

 


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